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Wer ist eigentlich Agnes Timme? Eine Spurensuche der 8F2

Stolperstein-Agnes-TimmeAgnes Timme? Nie gehört. Kein Wunder, schließlich ist sie schon seit über 75 Jahren tot. Sie ist eins von vielen Millionen Opfern des Naziregimes – und sie hat in Hermannsburg gelebt und ist die Urgroßmutter von zwei Schülern unserer Schule.

Das haben wir letztes Jahr im September von Sabine Röhrs, einer Enkelin von Agnes Timme, erfahren. Sie fragte an, ob es an unserer Schule interessierte Schülerinnen und Schüler gibt, die eine „Stolpersteinverlegung“ für Agnes Timme mitgestalten wollen. Die Idee der „Stolpersteine“ stammt von dem Künstler Gunter Demnig, der vor dem letzten Wohnort der Ermordeten eine Gedenktafel aus Messing ins Pflaster einlässt. Die Klasse 8F2 hat nicht lange überlegt und war Feuer und Flamme für dieses Projekt.

Es lag viel Arbeit vor uns: Im November 2016 besuchte Frau Röhrs die Klasse und berichtete über die Ergebnisse ihrer Nachforschungen, die sie zum Tod ihrer Großmutter angestellt hatte. Man hätte die berühmte Stecknadel fallen hören können… Wir erfuhren von einem Verbrechen, das zur Zeit des 2. Weltkriegs geradezu Alltag war. Agnes Timme war keine Jüdin, keine Widerstandskämpferin, sie war, so Sabine Röhrs, ein Niemand – eine junge Mutter, die mit 25 Jahren ihr viertes Kind bekam und danach eine postnatale Psychose entwickelte. Sie zeigte ein auffälliges Verhalten, war schreckhaft, ihre Handlungen und Äußerungen waren wirr. Deshalb wurde sie zunächst ins AKH Celle eingewiesen. Von dort kam sie wenige Wochen später nach Lüneburg in die Heil- und Pflegeanstalt. Hier attestierte man ihr fälschlicherweise eine „Pfropfschizophrenie“, woraufhin der Leiter der Anstalt in Lüneburg sie nach Berlin als „lebensunwert“ meldete. Damit war Agnes‘ Schicksal besiegelt: Am 16. Juni 1941 wurde sie im Alter von 29 Jahren in Hadamar in Hessen vergast, mit ihr auch Irmgard Ruschenbusch, ebenfalls eine Frau aus Hermannsburg, für die bereits vor fünf Jahren ein Stolperstein verlegt wurde.
Wir beschlossen, dass wir mit einer Ausstellung an Agnes Timmes kurzes Leben erinnern wollten. Frau Röhrs hatte uns umfangreiches Material zur Verfügung gestellt, das wir nun sinnvoll anordnen mussten. Dieser Aufgabe stellten wir uns an mehreren Projekttagen. Urkunden markierten wichtige Ereignisse in Agnes‘ Leben, über das wir so wenig wissen. Wir haben ihren Leidensweg nachgezeichnet und die in pervertierter Perfektion funktionierende Tötungsmaschinerie in Hadamar dokumentiert; wir haben uns auch mit den Biographien zweier Ärzte beschäftigt, die in Hadamar den Gashahn aufgedreht hatten. Die Ausstellung endet mit einer kurzen Darstellung der Nürnberger Prozesse, in denen die Täter des NS-Regimes zur Verantwortung gezogen wurden.

Diese Ausstellung haben wir am 27. Februar während der Feierstunde vor der eigentlichen Stolpersteinverlegung präsentiert. Viele Menschen nahmen an diesem Tag Anteil an Agnes Timmes Schicksal; der große Saal des EBH reichte gerade aus, um alle Interessierten aufzunehmen. Stephan Haase führte als Leiter des EBH durch die Veranstaltung. Er drückte die Hoffnung aus, dass wir über das „Stolpern“, über das Aufmerksamwerden, das die Gedenktafel an Agnes Timme bewirken will, wieder in den richtigen Tritt kommen, dass wir genau hinschauen, was um uns herum passiert. Der Schulchor unter der Leitung von I. Lange trug ebenfalls zum Gelingen der Feier bei: Es wurde ein Medley aus der Filmmusik zu „Schindlers Liste“ vorgetragen; Hannah P. begleitete den Chor bei diesem Stück am Klavier, Sarah J. spielte das Violinsolo. Mit dem Lied „Vois sur ton chemin“ aus dem Film „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ (Klavierbegleitung: F. Worlitzsch) sang der Chor gegen das Vergessen derer an, die von der Gesellschaft abgeschrieben wurden. Damit erinnerte der Chor an die viel zu kurze Lebenszeit von Agnes Timme und daran, dass auch ihre Kinder ihre Mutter kaum gekannt haben.
Der Höhepunkt der Feierstunde war sicherlich die Rede von Sabine Röhrs, in der sie deutlich machte, dass nicht nur ihrer Großmutter schlimmstes Unrecht geschehen ist – auch ihre Kinder, die im Waisenhaus, zeitweise bei Angehörigen und bei Pflegeeltern aufwuchsen, haben ihr Leben lang mit diesen Geschehnissen leben müssen. Sabine Röhrs wollte nicht wegsehen, nicht vergessen, die Vergangenheit eben nicht ruhen lassen, sondern ihrer Großmutter eine Würdigung zuteil werden lassen, die sie zu Lebzeiten nicht hatte erfahren dürfen. Bürgermeister Flader erkannte in der Auseinandersetzung mit Agnes Timmes Leben einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des Ortes und richtete den Blick nach vorne, auf eine bessere Zukunft, die es nur dann geben könne, wenn wir uns nicht gleichgültig von aktuellen Geschehnissen abwenden. Abschließend verlegte Gunter Demnig vor dem EBH den Stolperstein, der nun dazu einlädt, kurz innezuhalten und an eine junge Frau zu denken, die nach dem Wunsch der Nazis ganz aus der Erinnerung verschwinden sollte.

Was bleibt uns von dieser intensiven Zeit, in der wir an diesem Projekt gearbeitet haben? Das Gefühl von „Ende gut, alles gut“? Ganz sicher nicht. Die Zahl der Opfer des Nationalsozialismus ist für uns unvorstellbar; Agnes Timme hat dieser Zahl ein Gesicht gegeben, wir sind ihr nahegekommen, sie ist tatsächlich ein bisschen „unsere Agnes“ geworden. Wir sind dankbar dafür, dass wir sie zusammen mit Frau Röhrs zurück in Erinnerung rufen durften.  

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